Make-or-Buy in der Fertigungs-IT: Warum vermeintlich günstiger Eigenbau häufig hohe Folgekosten verursacht

In vielen Fertigungsunternehmen gilt Excel als besonders flexible und kostengünstige Lösung für Auswertungen und einfache Prozessunterstützung. Lizenzen sind vorhanden, die Werkzeuge sind bekannt, und mit BI-Tools lassen sich aussagekräftige Visualisierungen erstellen. Daraus entsteht schnell der Eindruck, ein Eigenbau könne ein MES vollständig ersetzen.

Damit wird die Entscheidung jedoch häufig auf den ersten Aufwand reduziert. Tatsächlich ist sie eine strategische Weichenstellung zwischen kurzfristiger Anpassbarkeit und langfristiger Prozesssicherheit, insbesondere dann, wenn Lösungen in den Regelbetrieb übergehen und über einzelne Use Cases hinauswachsen.

Bild: Beispielhafte Illustration

Die Risiken einer gewachsenen Schatten-IT

Eigenbau entsteht oft aus einem nachvollziehbaren Impuls. Ein konkretes Problem tritt auf, eine schnelle Lösung wird benötigt, und eine fähige Person setzt ein Tool um, das zunächst zuverlässig wirkt. Mit der Zeit entwickelt sich daraus jedoch häufig eine schwer steuerbare Schatten-IT, weil die Lösung schrittweise erweitert wird, ohne dass Wartbarkeit, Governance und Skalierung von Anfang an mitgedacht sind.

Ein typischer Schwachpunkt ist die Personenabhängigkeit. Selbstgebaute Systeme sind oft eng mit dem Wissen und der Verfügbarkeit einzelner Mitarbeitender verbunden, etwa wenn komplexe VBA-Logik oder spezielle Datenaufbereitungen über Jahre organisch wachsen. Fällt diese Person aus oder wechselt, wird aus einer vermeintlich günstigen Lösung ein operatives Risiko, weil Änderungen, Fehlerbehebung und Weiterentwicklung nicht zuverlässig abgesichert sind.

Hinzu kommt die Integrationslücke. Excel und BI-Tools sind sehr gut darin, Daten aufzubereiten und zu visualisieren, sind aber nur begrenzt geeignet, um Daten konsistent zu erfassen, Prozesse zu führen und Rückverfolgbarkeit revisionssicher abzubilden. In der Praxis müssen Maschinendaten und manuelle Eingaben zusammenlaufen, und es braucht eine belastbare Datengrundlage für Steuerung und Nachweisführung. Wenn diese Integration nicht sauber gelöst wird, entstehen Datensilos und Medienbrüche, die im Alltag Zeit kosten und die Datenqualität untergraben.

Was eine durchgängige Plattform typischerweise leistet

Gegen eine Plattformentscheidung wird häufig eingewandt, Standardsoftware könne spezifische Prozesse nicht ausreichend abbilden. Dieses Argument greift dort zu kurz, wo moderne Plattformansätze nicht als starres Produkt verstanden werden, sondern als anpassbare Grundlage.

Ein Plattformansatz stellt in der Regel die stabilen Basiskomponenten bereit, darunter Datenhaltung, Schnittstellen, Benutzer- und Rechteverwaltung sowie Sicherheitsmechanismen. Darauf aufbauend lassen sich Applikationen für Werkerführung, Qualitätsprüfung oder Rückmeldungen prozessnah konfigurieren und weiterentwickeln, ohne dass jedes Mal grundlegende Infrastruktur neu gebaut werden muss.

Entscheidungskriterien für die Praxis

Für eine sachliche Einordnung helfen Kriterien, die sich direkt am Produktionsalltag orientieren.

Audit-Sicherheit und Traceability

Wenn Nachweispflichten bestehen, etwa wer an welcher Station welche Messwerte erfasst hat, geraten Tabellenlösungen schnell an Grenzen. Entscheidend ist eine nachvollziehbare, manipulationssichere Historie der Transaktionen, die sich auch unter Auditbedingungen belastbar erklären lässt.

Skalierbarkeit im Rollout

Eine Lösung für einen isolierten Bereich kann kurzfristig funktionieren. Sobald jedoch mehrere Linien, Schichten oder Standorte konsistent bedient werden sollen, steigen Aufwand und Fehleranfälligkeit deutlich, vor allem bei Versionierung, Berechtigungen, Schnittstellenpflege und einheitlichen Prozessen. Plattformen sind typischerweise darauf ausgelegt, solche Rollouts strukturiert zu unterstützen.

Echtzeitfähigkeit in der Steuerung

Viele Auswertungen sind zeitversetzt und eignen sich vor allem zur Analyse. Wenn operative Eingriffe während der laufenden Schicht notwendig sind, werden Datenströme, Zustandslogik und Alarmierung wichtiger als nachgelagerte Berichte. Hier entscheidet die Architektur darüber, ob Steuerung tatsächlich zeitnah möglich ist oder ob Abweichungen erst sichtbar werden, wenn sie bereits Wirkung entfaltet haben.

Fazit

Eigenbau bleibt sinnvoll für Prototypen, einmalige Analysen oder klar abgegrenzte, nicht geschäftskritische Teilprozesse. Sobald Lösungen jedoch dauerhaft betrieben werden, skalieren müssen oder Compliance-Anforderungen erfüllen sollen, verschiebt sich die Kosten- und Risikostruktur. Dann fallen Wartung, Fehlerbehebung, Abhängigkeiten und fehlende Zukunftssicherheit oft stärker ins Gewicht als die eingesparten Lizenzkosten.

Sie haben Interesse an einem MES?

Wenn die Abwägung zwischen Eigenbau und Plattform im Raum steht, lohnt sich eine strukturierte Sicht auf Prozesskritikalität, Rollout-Perspektive und Nachweisanforderungen. Selfbits unterstützt dabei, diese Kriterien entlang der realen Fertigungsprozesse zu bewerten und eine belastbare Umsetzungsstrategie abzuleiten.