IST und SOLL – REFA und MTM im Vergleich

Zeit ist in der Industrie die härteste Währung. Sowohl REFA als auch MTM versprechen belastbare Zeitdaten über vorwiegend manuelle Arbeitsprozesse für Planung, Kalkulation und Steuerung, doch setzen sie an ganz unterschiedlichen Stellen an. REFA liefert ein breites Instrumentarium zur Aufnahme, Bewertung und Gestaltung bestehender Prozesse, während MTM Prozesse in granulare Bausteine zerlegt und so Abläufe schon in der Planung messbar macht. Dieser Artikel ordnet die beiden populärsten Verfahren der Prozessanalyse und -optimierung ein, zeigt Gemeinsamkeiten, Stärken und Grenzen auf und gibt Empfehlungen, wann welche Methode mehr Sinn ergibt.

Bild: Beispielhafte Illustration

Was ist REFA?

Der REFA Fachverband e. V. wurde am 1924 in Berlin gegründet, der heutige Sitz liegt in Darmstadt. Inhaltlich steht REFA für Methoden der Arbeitsgestaltung, Betriebsorganisation und Unternehmensentwicklung.

 

Im Kern steht bei REFA die Zeitstudie. Reale Abläufe werden beschrieben, in Ablaufabschnitte gegliedert, gemessen und ausgewertet. Dabei wird die Leistung der beobachteten Person relativ zur REFA-Normalleistung beurteilt; daraus entstehen Grundzeiten und mit Zuschlägen die Vorgabezeiten für Planung und Kalkulation.

Ablauf der Zeitstudie

1. Verwendungszweck festlegen

Dieser legt Sorgfalt und Genauigkeit der Studie fest

2. Beschreibung der zu messenden Arbeit

Die Arbeitsaufgabe, das Arbeitsverfahren und die verwendete Arbeitsmethode sind genau anzugeben.

3. Zeitaufnahme durchführen

Der Ablauf wird in Ablaufschnitte gegliedert und Messpunkte werden festgelegt. Die damit ermittelten Zeiten werden im REFA- Zeitaufnahmebogen dokumentiert.

4. Leistungsgradbeurteilung

Die gemessene Leistung wird auf eine Bezugsleistung, die so genannte REFA-Normalleistung, normiert.

5. Statistische Auswertung

Die ermittelten Zeiten werden auf statistische Gültigkeit überprüft. Gegebenenfalls muss erneut gemessen werden.

6. Berechnung der Grundzeit

des Arbeitsablaufs durch Addierung der Sollzeiten der einzelnen Ablaufabschnitte.

7. Berechnung der Vorgabezeit

Hierzu werden zur Grundzeit Erholzeiten, Verteilzeiten und eventuelle weitere Zuschläge addiert.

8. Berechnung der Vorgabezeit je Einheit

Ergebnis ist die Vorgabezeit je Einheit, vollständig dokumentiert für Planung, Kalkulation oder Entgelt.

Was ist MTM?

MTM ist, wie REFA, zum einen eine Organisation und zum anderen eine Methode. Die MTM -Methode verfolgt ähnliche Ziele, setzt aber früher an. Während REFA am bestehenden Arbeitssystem misst, kann MTM bereits zur Planung manueller Abläufe eingesetzt werden.

 

MTM beschreibt manuelle Arbeit über standardisierte Bewegungs- und Tätigkeitsbausteine. Dabei hat jeder Baustein einen normierten Zeitwert in TMU (time-measurement-unit), wobei 1 TMU 0,036 Sekunden entspricht. Die Zeitwerte sind dabei so festgelegt, dass sie von einem durchschnittlich geübten Beschäftigten über einen ganzen Arbeitstag hinweg erreicht werden können.

 

(Link zu einer MTM-1 Datenkarte)

 

Typische Bausteine sind Hinlangen, Greifen, Bringen, Fügen oder Loslassen; aus ihren Zeitwerten werden Sollzeiten berechnet, ohne dass eine reale Fertigungslinie existiert.

 

In der Praxis existieren unterschiedliche Systemstufen: MTM-1 arbeitet sehr fein, MTM-UAS und MTM-MEK sind verdichtet und damit deutlich schneller anzuwenden. So lässt sich der Analyseaufwand passend zur Fragestellung skalieren, ohne die Reproduzierbarkeit zu verlieren.

 

Moderne Workflows erlauben zudem die Ableitung von MTM-Analysen aus VR-/Motion-Capture-Daten, wodurch bereits in sehr frühen Phasen valide Planzeiten entstehen.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf einen Blick

Beide Methoden liefern standardisiert erhobene Zeitdaten für Planung, Kalkulation und Steuerung. Qualität entsteht durch saubere Aufgabenbeschreibung und korrekte Anwendung. Der Unterschied liegt im Ansatz: REFA bewertet die IST-Leitung am realen Prozess, MTM erzeugt SOLL-Zeiten aus vordefinierten Bewegungsbausteinen.

 

Praktisch bedeutet das: Neuanlauf und Variantenvergleich profitieren von MTM, weil sich Layouts, Takte und Ergonomie prospektiv bewerten lassen. Serienbetrieb, Entgeltfragen und Audits verlangen häufig nach REFA-Zeitstudien, da sie Ist-basiert und tarif- bzw. betriebsvereinbarungstauglich sind. In vielen Werken setzt man beides kombiniert ein: MTM liefert die Soll-Zielgröße, REFA kalibriert und validiert im Hochlauf und in der Serie.

Fazit

MTM und REFA sind keine Rivalen, sondern Werkzeuge für verschiedene Phasen derselben Aufgabe: REFA misst, MTM modelliert. Je nach Fragestellung liefert das eine eine robuste Ist-Basis, das andere belastbare Sollwerte. Am wirksamstem bleibt die Kombination: MTM für die Zielgestaltung, REFA für den Nachweis im Alltag.

Sie wollen Zeitdaten automatisiert erfassen?

Erfahren Sie mehr über MDE und BDE mit der Selfbits Manufacturing Suite.